Wir Menschen denken in Bildern. Das merken wir schon an unserer Sprache: "Es ist alles in Butter", "Das geht mir auf den Keks", "Jetzt habe ich den roten Faden verloren". Diese Redewendungen malen ein Bild vor unserem inneren Auge – und plötzlich verstehen wir, was gemeint ist. Nicht wörtlich, sondern gefühlsmäßig.

Doch was passiert, wenn "alles in Butter" ist? Eigentlich wäre das ja schmierig und verklebt – also alles andere als in Ordnung. Unsere Sprache spielt mit Bildern, die wir intuitiv deuten. Doch wenn es darum geht, unsere eigenen Gefühle in Worte zu fassen, stockt es oft. "Wie geht’s dir?""Jo, alles gut." Doch ist es das wirklich?

 

Warum Worte manchmal nicht reichen

In der Kunsttherapie erlebe ich immer wieder: Wenn ich frage "Wie geht es dir?", kommen oft nur Floskeln. Doch wenn ich stattdessen frage: "Welche Farbe hat dein aktueller Gefühlsstand?", wird es plötzlich konkret.

Ein einfaches "Rot" kann die Wut über den Chef ausdrücken. Doch dann kommt vielleicht noch ein "Grün" dazu – die Galle über die ständigen Überstunden. Und plötzlich wird aus einer einzelnen Farbe ein ganzes Farbspektrum, das die Komplexität unserer Gefühle abbildet. Das aktive Schaffen, das Umsetzen dieser Gefühlsfarben, führt uns weg von den gängigen Alltagsphrasen. Es baut eine Barriere ab und schafft Verbindungen zu unseren tatsächlichen Emotionen.

Das ist oft der Beginn einer spannenden Reise – nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen, sondern um sich selbst besser zu verstehen.

 

Kunsttherapie: Die Sprache der Farben

In der Kunsttherapie geht es nicht um das Endprodukt, sondern um den Prozess. Es geht darum, Gefühle sichtbar zu machen, die wir mit Worten nicht fassen können. Farben, Formen und Linien werden zu einer neuen Sprache – einer, die direkt aus unserem Unterbewusstsein kommt.

Denn oft wissen wir gar nicht, was wir fühlen, bis wir es sehen. Eine Farbe kann Wut sein, aber auch Trauer, Freude oder Unruhe. Und wenn wir diese Farbe dann auf Papier bringen, beginnen wir automatisch, tiefer nachzufragen:

  • Warum ist es genau dieser Farbton?
  • Fühle ich noch andere Farben?
  • Wo in meinem Körper spüre ich sie?

Plötzlich wird aus einem vagen "Ich bin gestresst" ein konkretes Bild – und damit die Möglichkeit, etwas zu verändern.

 

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Übung für zu Hause: Deine Gefühlsfarbe finden

Du brauchst nur Papier, Wasserfarben, einen Pinsel und ein paar Minuten Zeit. So geht’s:

  1. Schaffe Raum: Setze dich entspannt hin und atme dreimal tief ein und aus.
  2. Frage dich: Welche Farbe(n) spüre ich gerade in meinem Körper?
  3. Mische deine Farbe: Nimm die Wasserfarben und mische den Farbton, der sich gerade richtig anfühlt.
  4. Reflektiere:
    • Ist die Farbe so, wie du sie dir vorgestellt hast?
    • Passt der Farbton? Oder fehlt noch etwas?
    • Spürst du mehrere Farben? Wo sind sie in deinem Körper platziert?
  5. Taste dich heran: Ändere, ergänze, experimentiere – bis es sich stimmig anfühlt.
  6. Optional: Überlege am Ende, ob dir ein Wort (kein Gefühl!) einfällt, das zu deiner Farbe passt. Vielleicht "Sturm", "Wiese" oder "Feuer".

Wichtig: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es geht nur darum, dich selbst besser kennenzulernen.

Es geht nicht darum, ein Meisterwerk zu malen. Es geht darum, dich selbst zu entdecken. Und manchmal – oder sogar oft – sagt ein einfaches Farbfeld mehr über deinen Zustand aus als tausend Worte.

 

Kreatives Schaffen wirkt ähnlich wie Meditation: Es aktiviert den präfrontalen Cortex (verantwortlich für bewusste Reflexion) und reduziert gleichzeitig die Aktivität in der Amygdala (dem Angstzentrum). Durch das nonverbale Ausdrücken von Gefühlen umgehen wir die oft blockierte rationale Ebene – und kommen direkt zu dem, was wirklich in uns vorgeht.

 

Probier es aus. Du wirst überrascht sein, was in dir steckt, wenn du den Worten eine Pause gönnst.

Gerne begleite ich dich in einer kunsttherapeutischen Einzel- oder Gruppensitzung.